Tafelklavier Broadwood 1784

„Es ist schon recht ungewöhnlich, ein Instrument des 18. Jahrhunderts zu finden, das seinem Erstbesitzer genau zuzuordnen ist, hier jedoch haben wir es mit einem außergewöhnlichen historischen Dokument zu tun, das inhaltlich Broadwoods Journal mit der bekannten Erstbesitzerfamilie und deren Nutzung des Instruments verbindet.

 

Das Unternehmen John Broadwood & Sons an sich ist bereits außergewöhnlich, da es ein umfangreiches Firmenarchiv pflegt, das bis ins späte 18. Jahrhundert zurückreicht, welches heute durch die Bodleian Library in Oxford und das Surrey History Centre in Woking zugänglich gemacht wird. Nach Auswertung der dortigen Unterlagen kann mit Bestimmtheit sagen, dass das Tafelklavier mit der Seriennummer 206 das älteste seiner Art aus der Werkstatt Broadwoods ist, das einem bestimmten Erstbesitzer zugeordnet werden kann. […] Bereits Alfred Hipkins entdeckte im Rahmen seiner Forschungen zum Klavierbau der viktorianischen Epoche in den ziemlich heruntergekommenen Überresten des Firmenjournals einen ungewöhlichen Eintrag: Die früheste dort eingetragene Seriennummer eines Instruments war die Nummer 206, ein Tafelklavier gebaut im Jahre 1784. Nach weiteren Recherchen von Michael Cole in der Bodleian Library verkaufte Broadwood am 20. April 1784 zwei Tafelklaviere, das erstere an eine Miss Trafford, und später im Verlauf des Tages das andere an Mrs Northey. Beide wurden für 20 Guineas, etwa 21 Pfund, verkauft. Erstaunlicherweise, wie bereits Hipkis feststellte, vermerkte Broadwood die Nr. 206 auf Mrs Northeys Vertrag. Offensichtlich besuchte sie den Ausstellungsraum und wollte genau dieses Instrument. Kein weiteres Instrument wird in dieser Zeit mit seiner Seriennummer im Journal aufgeführt. Erst ab dem Jahr 1798 wurden Seriennummern und zukünftige Besitzer verzeichnet.

 

Das Instrument geriet jedoch in Vergessenheit, bis es Michael Cole im Jahre 2004 in einer Auktion ersteigerte. Im Inneren war auf dem Anhangstock deutlich die Nummer 206 zu lesen, [...] auf dem Resonanzboden in sauberer Handschrift im Stil des 18. Jahrhunderts der Name `Northey´. Es scheint, als wurde dieser nach dem Kauf im Jahre 1784 darauf geschrieben; ob von Broadwood selbst, ist schwer zu sagen. Daneben steht, leicht unleserlich, ein zusätzlicher Text: „formerly Miss Northey now belongs to Ann Ball's (oder: Bell's) child, 1793“. Michael Cole vermutet, dass es sich bei Ann Ball (Bell) um die Haushälterin oder eine Angestellte der Northeys handelte.

Weitere Einträge in Broadwoos Journal beleuchten die Identität von Mrs Northey: Seit 1775 mietete sie öfters ein Cembalo und beauftragte Stimmungen, kurz darauf kaufte sie ein neues Cembalo von Broadwood. Robert Stodart übernahm die Stimmungen in ihrem Londonder Zuhause in der Orchard Street, nördlich der Oxford Street. Dieses Haus wurde im 20. Jahrhundert abgerissen, ihr Landsitz, Ivey House in Wilshire, dagegen wird aufgeteilt in mehrere Wohnungen bis heute genutzt. Im 18. Jahrhundert war es ein repräsentatives Landhaus, das ihr späterer Ehemann William Northey (†1770), Mitglied des Parlamentes für die Grafschaft Wiltshire, zusammen mit einem großen Grundstück kaufte. Es liegt in der Zentrumsnähe zu Chippenham.

Mrs Northey selbst war die Tochter von Edward Hopkins, Parlamentsmitglied in Coventry. Ihr Vater starb, als sie noch ein Kind war. Am 4. Mai 1751 heiratete sie in Great Missenden, Buckinghamshire. […] Sie hatte drei Söhne, die offenbar allesamt im späteren Leben erfolgreich waren, einer als Kirchenmann, einer beim Militär und der älteste als Parlamentsmitglied wie sein Vater. Darüber hinaus hatte Mrs Northey vier Töchter. Ihre Tochter Charlotte überlebte am längsten und starb unverheiratet im Alter von 28 Jahren im Februar 1789. Es war vermutlich diese Tochter, die das Broadwood-Tafelklavier am meisten spielte, denn ihre Memoiren besagen, dass sie an einer schweren Krankheit litt, die sie mit viel Geduld ertrug. Dies würde auch erklären, warum die Handschrift auf dem Resonanzboden von einem Fräulein (`formerly Miss Nothey´) spricht.

Beim Kauf des Tafelklaviers im Jahre 1784 gab Mrs Northey Broadwood ein älteres Tafelklavier in Kommission, welches dieser an einen Mr Gawlier für acht Guineas weiterverkaufte. Diesen Betrag verrechnete verrechnete er Mrs Northey. […] Mrs Northey beauftragte auch eine Transportkiste, möglicherweise um das Instrument sicher zwischen Ivey House und Orchard Street zu transportieren, oder um es nach Epsom zu bringen, wo sie häufig die Familie ihres Mannes besuchte.

Ann Northey starb im Alter von 90 Jahren im Jahre 1822 in Bath und wurde in Box in der Nähe des Grabes ihrer Tochter Charlotte beerdigt.“

 

Das Tafelklavier besitzt einen Tonumfang von fünf Oktaven (FF bis f3) und eine einfache Stoßmechanik (single action). Ein Pedal bedient den Deckelschweller, weitere Veränderungen wie etwa eine Dämpfungsaufhebung gibt es nicht.

 

 

Bei dem hier gezeigten Tafelklavier liegt ein glücklicher Ausnahmefall vor. Es befindet sich seit 2010 in unserer Sammlung. Das Tafelklavier von John Broadwood mit Seriennummer 206 aus dem Jahre 1784 zählt zu den wenigen Instrumenten, bei denen die Erstbesitzerperson bekannt ist, und es ist gleichzeitig ein Beispiel für die damalige Praxis, Instrumente nach dem eigenen Gebrauch weiterzureichen.Aber lassen wir dazu Michael Cole zu Wort kommen. Er hatte das Instrument vor einigen Jahren entdeckt und in den Jahren 2010/11 vorbildhaft restauriert. Michael Cole hat umfangreiche Recherchen zu diesem Instrument angestellt. Er schreibt (sinngemäß aus dem Englischen übertragen, den Originaltext gibt es auf seiner Website zum Nachlesen):

 

 

Mrs Northey's Piano... (with special thanks to Michael Cole)

 

In den meisten Fällen liegt die Geschichte erhaltener Claviere weitgehend im Dunkeln. Oft gingen sie bereits wenige Jahre nach ihrer Erbauung in andere Hände über, bis sich ihre Spur irgendwann verliert. Grund für dieses Schicksal vieler Instrumente ist mitunter die rasante Entwicklung des Clavierbaus während der zehn Dekaden zwischen 1760 und 1860: Dadurch, dass - Hand in Hand mit dem sich rasch ändernden Musikgeschmack zwischen Spätbarock und Spätromantik - eine klaviertechnische Neuentwicklung rasch der vorhergehenden folgte, waren Claviere damals einer hohen Obsoleszenz unterworfen. Oftmals genügte ein Instrument bereits nach etwa zehn Jahren nicht mehr vollauf den hohen Ansprüchen seiner Besitzer und wurde innerhalb der Familie weitergereicht oder an weniger betuchte Musikliebhaber verkauft. Ein Phänomen, das einerseits an unsere heutige generell schnelllebige Zeit erinnert, andererseits im Kontrast zum Clavierbau seit etwa 1870 bis heute steht, in dem sich vergleichsweise wenig technische Veränderungen durchgesetzt haben, so dass alte Klaviere z. B. aus der Zeit um 1900 heute durchaus noch Ansprüchen eines modernen Pianisten genügen können. In der früheren Zeit jedoch gingen historische Claviere oftmals durch viele Hände, bis sie irgendwann irgendwo abgestellt und vergessen wurden, bevor sie in der Neuzeit wiederentdeckt wurden.

Oftmals ist aber auch über die jüngere Geschichte eines Instruments wenig bekannt. Schuld hieran sind mitunter so genannte Liebhaber, die sich zwar als Sammler präsentieren, in der Realität aber mehr als Antiquitätenhändler fungieren. Sie haben gerade in Zeiten großer Informationschancen und Vernetzung, etwa durch soziale Medien oder das Internet im Allgemeinen, aus Angst um ihre Verdienstmöglichkeiten in der Regel nur ein eingeschränktes Interesse, die Provenienz der von ihnen verkauften Instrumente zugänglich zu machen.

 

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