Clavichord Ganer 1786

Ein englisches Clavichord?!

 

von Heiko Hansjosten

(erschienen in: Deutsche Clavichordsocietät (Hg.), Rundbrief der Deutschen Clavichordsocietät Nr. 71/2014)

 

 

England gilt gemeinhin nicht gerade als das Land der historischen Clavichorde: Während Clavichorde auf dem europäischen Festland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ihre große Blütezeit hatten und erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch die Verbreitung der Hammerklaviere an Bedeutung verloren, scheinen Clavichorde in England generell tendenziell weniger verbreitet gewesen zu sein. Zumindest ist davon auszugehen, wenn man die Nicht-Existenz zweifelsfrei überlieferter originaler Instrumente englischer Provenienz aus dieser Zeit als Indikator nimmt. Gerade in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als das Clavichord in Deutschland als das Tasteninstrument der Empfindsamkeit zahlreiche Anhänger fand, hatte sich in England bereits der Typus des frühen prototypischen Tafelklaviers breit gemacht. Diese Tafelklaviere erinnern in ihrer Erscheinung hinsichtlich Format und konstruktiver Anlage deutlich an Clavichorde, waren aber im Vergleich zu diesen etwas klangstärker. Nicht zuletzt Johann Christian Bach förderte die Verbreitung von Tafelklavieren in England nachhaltig, indem er darauf konzertierte.

 

Viele der ersten Tafelklavierbauer waren Auswanderer aus dem deutschsprachigen Raum. Einer von ihnen war der spätere Londoner Klavierbauer Christopher Ganer. Christopher Ganer, um 1760 in Leipzig geboren, wird zu den so genannten „zwölf Aposteln“ gezählt. Der Terminus der „zwölf Apostel“ bezeichnet – obwohl schon alleine wegen der genannten Zahl historisch nicht korrekt – eine Reihe von Klavierbauern vor allem deutscher Provenienz, unter ihnen neben Ganer beispielsweise Johann Christoph Zumpe, ein Schüler Gottfried Silbermanns, Johannes Pohlmann und Adam Beyer aus Sachsen, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach England auswanderten und dort den dort florierenden Klavierbau mitbegründeten. Christopher Ganer starb 1811 in London.

 

 

 

Abbildung 1: Gesamtansicht des Instruments

 

 

 

 

 

Das Instrument, das ich hier vorstellen möchte, verbindet gleichsam beide Instrumente, und es fügt der Geschichte des Clavichords im Allgemeinen, sowie der Geschichte des Clavichords in England im Speziellen einen interessanten Aspekt hinzu: Es handelt sich um ein Tafelklavier von Christopher Ganer, das in ein Clavichord umgebaut wurde. Clavichordumbauten gibt es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hin und wieder, aber in der Regel beschreiten sie den umgekehrten Weg, indem ein Clavichord durch Einfügen einer Hammermechanik zum klangstärkeren Tafelklavier wird. Bei diesem Instrument ging der Weg jedoch vom Tafelklavier zum Clavichord.

 

Das Tafelklavier selbst dürfte um 1786 entstanden sein. Es handelt sich um ein typisches Instrument dieser Zeit mit einem Ambitus von fünf Oktaven (Kontra-F bis f'''), durchgängig zweichörig besaitet und von der konstruktiven Anlage dem Clavichordtypus zwar noch recht nahe stehend, aber doch deutlich massiver gebaut. Der Korpus des Instruments ist in Mahagoni gearbeitet und dekorativ mit verschiedenen Hölzern (Seidenholz, Mahagoni, Ebenholz, Buchsbaum, Riegelahorn) furniert. Das Vorsatzbrett trägt die mit Rankenwerk verzierte Tinteninschrift:

 

„Christopher Ganer Musical Instrument Maker

Broad Street Golden Square London.“

 

 

Abbildung 2: Signatur auf dem Vorsatzbrett

 

Das Instrument ruht auf einem so genannten French stand, einem mit vier konischen Beinen quadratischen Querschnitts versehenen Gestell mit Oberrahmen, welches wie das Instrument selbst dekorativ furniert ist. Den Spuren nach zu urteilen besaß das Instrument ursprünglich eine für die Bauzeit typische einfache Stoßmechanik (single action) sowie eine Einzeldämpfung, die über einen Registerhebel aktiviert und deaktiviert werden konnte. Die ursprünglichen Tastenbeläge dürften Elfenbein für die Untertasten und Ebenholz für die Obertasten gewesen sein.

 

Der Umbau des Tafelklaviers erfolgte zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt. Recherchen über die Vorbesitzer des Instruments lassen jedoch den Schluss zu, dass der Umbau schon vor 1900 erfolgt ist. Howard Schott verweist in seinem Artikel „The Clavichord Revival, 1800-1960“, erschienen in Early Music 32.4 (2004), Seite 595 bis 603, auf ein Zitat von Alfred James Hipkins. Dieser berichtet in „A description and history of the pianoforte and of the older keyboard instruments“ (London 1896):

 

„ […] in 1879 Mr. J. G. Chatterton, of London, incited by my article on the Clavichord, which had then appeared in Sir George Grove's Dictionary, successfully transformed an old square piano into one — the reverse process to that which obtained in Germany about the middle of the last century, when clavichords were converted into square pianos, which was easily done owing to the depth of the sound-box.“

 

Ob es sich bei dem hier beschriebenen Instrument um das von Chatterton umgebaute Instrument handelt oder nicht, lässt sich aufgrund fehlender Quellen leider nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Vielmehr dürfte das wieder aufkeimende Interesse an alten Tasteninstrumenten und damit auch an Clavichorden gegen Ende des 19. Jahrhunderts dafür gesorgt haben, dass solche Umbauten keine Einzelfälle geblieben sind: Das Interesse an Tafelklavieren des 18. Jahrhunderts als Musikinstrumenten dürfte zu dieser Zeit reichlich limitiert gewesen sein, viele alte Klaviere überlebten jedoch als schön gearbeitete Möbelstücke, nicht selten unter Entfernung sämtlicher technischer Einrichtungen wie Klaviatur, Mechanik, Saiten und Resonanzboden. Noch heute verweisen die hin und wieder in Internetbörsen oder bei Antiquitätenhändlern auftauchenden Schreib- oder Nähtische mit Tafelklaviervergangenheit auf diese Praxis. Das Recycling alter Tafelklaviere als Clavichord dürfte hingegen die bessere Steilvorlage gewesen sein. Auch solche Clavichordumbauten von Tafelklavieren tauchen hin und wieder auch in Auktionen auf.

 

Beim hier beschriebenen Clavichordumbau wurde zunächst die Klaviermechanik und die Einzeldämpfung ersatzlos entfernt. Von ihrem Vorhandensein zeugen noch diverse, teils zugedübelte, teils offene Mechanik- oder Schraublöcher in Klaviatur und Korpus. Auf die hinteren Tastenhebel wurden zur Überbrückung des tafelklaviertypischen Abstands zwischen Klaviatur und Saitenband - dort befindet sich üblicherweise die Hammermechanik - vergleichsweise lange Tangenten aus Messing gesetzt.

 

 

 

Abbildung 3: Tangenten

 

Da beim Tafelklavier die schwingende Länge auf der linken Seite des Instruments nicht durch den anschlagenden Hammer, sondern durch den Stift des Anhangsteges begrenzt ist, resultierte aus der Tangentenposition, die in etwa der Anschlagsstelle des ursprünglichen Hammers entspricht, eine Verkürzung der Mensur. Zum Ausgleich wurde die Mensur „gerückt“: Dabei entfiel für die sieben tiefsten Töne der jeweils zweite Saitenchor, die übrigen Saiten rückten auf dem Resonanzbodensteg nach unten nach. Die freien Stegstifte im Diskant wurden entfernt und der Steg abgeschliffen.

 

 

Abbildung 4: Stegende im Diskant

Da sich keine Spuren ausgedübelter Wirbellöcher finden, ist davon auszugehen, dass der Resonanzboden im Zuge des Umbaus ebenfalls ersetzt wurde. Die um etwa 90 Grad zum Saitenverlauf gedrehte Maserrichtung des Fichtenholzes entspricht jedoch der Ganer'schen Bauart. Sehr wahrscheinlich stammen auch die Klaviaturbeläge auf den originalen Tastenhebeln aus der Zeit des Umbaus. Zumindest sind schwarze Untertastenbeläge im englischen Tafelklavierbau unüblich. Wahrscheinlich wurde die Klaviatur im Rahmen des Umbaus im Sinne eines als historisch typisch rezipierten Klaviaturerscheinungsbildes "invertiert". Das Instrument wurde mit einem nicht zum Stil des Umbaus passenden, moderneren Dämpferbrett aus qualitativ schlechtem Pappelholz vorgefunden, das verschraubt war. Zusätzlich waren dicke Wollstreifen im vergleichsweise kurzen Zwischenraum zwischen Anhangsteg und Tangenten eingeflochten.

 

Beim Erwerb des Instruments war dieses eingeschränkt spielbar. Die Tastenführungen (Vorderstifte und Waagebalkenstife) waren ausgeschlagen, die Klaviaturbeläge der Untertasten stark abgespielt und bereits mehrfach repariert. Die Besaitung war in Eisen (Diskant), Messing (Tenorlage) und Messing umsponnen (Bass) ausgeführt und stark korrodiert.

 

Für die geplante Restaurierung des Instruments waren zunächst drei Grundsatzfragen zu beantworten:

 

  • Soll eine rekonstruktive Rückführung des Instruments zum Tafelklavier erfolgen oder wird der historisch gewachsene Zustand als Clavichord beibehalten?
  • Soll die vorgefundene, vermutlich noch vom Umbau stammende Besaitung beibehalten werden oder ist eine optimierte Neubesaitung zur Erzielung eines besseren Klangergebnisses anzustreben?
  • Soll eine Korrektur des eher clavichorduntypischen, hohen und darüber hinaus auch ungleichmäßigen Stegdrucks, der sich aus den kurzen, vom Tafelklavier wiederverwendeten Stimmwirbeln ergab, erfolgen?

 

Im Hinblick auf die erste Frage spielte vor allem die Überlegung eine Rolle, dass Tafelklaviere des ausgehenden 18. Jahrhunderts im Allgemeinen in relativ großer Zahl mit originaler Mechanik erhalten sind – einige finden sich in spielbarem Zustand auch in der Sammlung des Autors -, ebenso sind diverse Tafelklaviere von Christopher Ganer erhalten. Clavichordumbauten hingegen sind deutlich seltener und stellen einen eigenen musikalischen Wert dar, sind sie doch ein bislang nur wenig beachtetes Phänomen der Renaissance historischer Tasteninstrumente ab dem Ende des 19. Jahrhunderts. Daher fiel die Entscheidung zugunsten des Clavichordumbaus und gegen die Rekonstruktion des Tafelklaviers.

 

Bei den beiden anderen Fragen war die Konservierung des historisch gewachsenen Zustands abzuwägen gegen eine vollwertige Spielbarkeit. Hier fiel die Entscheidung zugunsten des Einsatzes als Musikinstrument. Die vorgefundene Besaitung sowie die vorhandenen Stimmwirbel wurden archiviert, eine Neubesaitung mit längeren Replikwirbeln durchgeführt, der Stegdruck korrigiert. Dabei wurde ein Besaitungsplan mit den heute verfügbaren Materialien für eine Stimmtonhöhe von a' = ca. 415 Hz zugrundegelegt. Da die Mensur (unter anderem durch die Rückung derselben) ungleichmäßig ist, versprach die vorgefundene Besaitungssystematik suboptimale Ergebnisse (z. B. durch eine für Eisen zu kurze Mensur im Diskant oder eine für Messing zu lange in der Mittellage). Die Besaitung erfolgte im Bass traditionell und wie vorgefunden in Messing (zum Teil umsponnen), im Diskant hingegen nicht mit Eisen, sondern mit im Vergleich zu Messing reißfesterer Bronce. Die Tastenführungen wurden restauriert sowie das Spiel störende, ausgespielte Untertastenbeläge ersetzt. Das unpassende Dämpferbrett wurde stilistisch passend ersetzt, die darunter liegende Dämpfung erneuert. Die Arbeiten wurden von Andreas Hermert und Sebastian Niebler im Jahr 2012 durchgeführt.

 

Im jetzigen Zustand präsentiert sich das Clavichord als konzerttauglich spielbar. Es unterscheidet sich von Clavichorden des 18. Jahrhunderts durch zwei Eigenarten:

 

  • Die Besaitung ist stärker als bei Clavichorden üblich. Ausschlaggebend ist die im Ganzen stärkere konstruktive Anlage des Tafelklaviers (Korpus, Steg, Resonanzboden). Dadurch setzt das Instrument dem Spieler mehr Saitendruck entgegen. Es erlaubt und verlangt eine recht "starke" Spielart.
  • Eine weitere Folge ist der relativ grundtönige, aber lang anhaltende Klang des Instruments, der entfernt an den Klang einer Gitarre erinnert und einen ganz eigenen Reiz besitzt.

 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das beschriebene Clavichord ein wichtiges Zeugnis der Renaissance alter Musik seit Ausgang des 19. Jahrhunderts in England darstellt. Infolge der Spielbarmachung mit prinzipiell reversiblen Maßnahmen ist es nun auch ein klangliches Dokument dieser Ära.

 

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